Mit fremden Augen – Beschreibung

“Ein Fotograf ist etwas anderes als ein Maler; denn bei einem Gutteil der ernstzunehmenden Aufnahmen spielt der Fotograf nur eine untergeordnete Rolle, und bei normalen (‘volkstümlichen’) Fotos ist seine Rolle in jedem Fall irrelevant.” (Susan Sontag)

Versuchsanordnung

Der Autor hat in seinem Stadtviertel 12 Einwegkameras an ihm unbekannte Menschen verteilt. Obwohl die Teilnehmer nicht repräsentativ ausgewählt werden konnten, wurde darauf geachtet, möglichst unterschiedliche Menschen – alte und junge, Frauen wie Männer und sogar Kinder – einzubeziehen. Bei dem Quartier handelt es sich um das Waldstraßenviertel in Leipzig, eines der größten geschlossenen Gründerzeitviertel in Europa.

Die Teilnehmer wurden gebeten, 27 Fotos (so viele Bilder hat der Film) ihres Alltags zu machen, ohne Vorgaben zu fotografieren „was Ihnen in den Sinn kommt“ und die Kamera dann an einer bestimmten Stelle abzugeben. Über den Hintergrund des Experiments wurde nichts mitgeteilt. Als Gedankenstütze wurde den Probanden ein Flyer überreicht (siehe Anhang).

Ziele

Der Autor versucht in diesem Projekt auf der einen Seite, „durch die Augen der Bewohner” einen anonymen aber direkten Blick in das Leben seines Quartiers zu werfen – wobei es während des Experimentes den Teilnehmern überlassen blieb, was sie von sich und ihrer Umgebung zeigen wollten. Auf der anderen Seite sind durch die entstandenen fotografischen Resultate sehr individuelle Porträts der Akteure selbst zurück gegeben worden.

In der Präsentation werden die Bilder keinen konkreten Personen zugeordnet. Weder dem Autor, noch den Betrachtern stehen persönliche Informationen zu Alter, Geschlecht oder Lebenshintergründen der jeweiligen Urheber zur Verfügung. Diese anonymisierte Form ermöglicht es, unter einem dritten Blickwinkel die reine Informationsebene des fotografischen Bildes zu untersuchen.

Autorenschaft und Porträt

Das Experiment kann unter sehr verschiedenen Gesichtspunkten betrachtet werden – für den Autor standen vor allem fotografische und fototheoretische Ansätze im Vordergrund.

Die Teilnehmer fotografierten ohne weitere Vorgaben des Autors das, was ihnen persönlich wert schien, durch eine Fotografie beachtet und „interessant gemacht“ zu werden. Wie Susan Sontag schreibt, werden dem Gegenstand vom Fotografen bei der Entscheidung, wie ein Bild aussehen sollte, bei der Bevorzugung einer von mehreren Aufnahmen, stets bestimmte Maßstäbe aufgezwungen. Auch wenn es in gewisser Hinsicht zutreffe, dass die Kamera die Realität einfängt und nicht nur interpretiert, seien Fotos doch genauso eine Interpretation der Welt wie Gemälde und Zeichnungen.[1]

Der Autor hat diese Möglichkeiten der Gestaltung und Auswahl bewusst abgegeben; womit er die „Welt“ nicht in seinem Sinne „interpretieren“ und ein entsprechend subjektives Bild von ihr herstellen konnte.

Das Problem der Interpretation und Ästhetisierung war damit zwar nicht aus dem Weg geschafft. Doch mit der Delegierung des fotografischen Vorgangs an den Erkenntnisgegenstand (die Bewohner des Viertels) entstanden aus Sicht des Autors unvoreingenommene, im wahrsten Sinne des Wortes „objektive“ Portraits der Fotografierenden und ihrer Lebensumgebung.

Es ist konsequent, die Aufnahmen komplett in ihrem jeweiligen Zusammenhang (Abfolge auf dem Filmstreifen) zu zeigen. Dem Autor liegen keine Informationen über die jeweiligen Urheber der einzelnen Filme vor, damit auch während der Präsentation die Anonymität zwischen ihm und „seinen Fotografen“ gewahrt bleiben kann. Dies ist wesentlicher Teil des Arbeitskonzeptes, um subjektive Einflussnahmen auf die entstandenen Resultate zu minimieren.

Die Arbeit berührt auch einen weiteren fototheoretischen Punkt: die Autorenschaft (auteur) des Fotografen gegenüber seinem „Werk“. Susan Sontag zufolge gehört zum Wesen der Fotografie, dass ihre Beziehung zum Fotografen als auteur nicht eindeutig ist; und je größer und vielgestaltiger das Werk eines Fotografen, desto mehr deutet es auf eine Art kollektiver statt individuellen Urheberschaft hin.[2]

Auch in diesem Projekt kann von einer solchen kollektiven Urheberschaft gesprochen werden. Der Autor hat nicht fotografiert, nicht durch den Sucher geblickt, nicht den Auslöser betätigt. Er hat das Projekt initiiert und “Probanden” gewonnen, die ihrem persönlichen Blick auf sich und ihre Umgebung in 27 Bildern Raum gaben.

Leipzig, im Juni 2011

Sophie Garke
Johannes Ackner

[1] Susan Sontag „Platos Höhle“, 1977
[2] Susan Sontag „Fotografische Evangelien“, 1977

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